«Mit der Skiausrüstung auf dem Velo durch die Wüste - the most stupid thing you can do!»
Seit 80 Tagen ist der Schweizer Simon Hiltli auf einer aussergewöhnlichen Reise: Mit dem Velo und seinen Skiern ist er unterwegs nach Kirgisistan, wo ihn unberührte Berge und neue Skierlebnisse erwarten. Wir haben mit ihm über seine Motivation für dieses grosse Abenteuer, über prägende Begegnungen unterwegs und über einen Unfall gesprochen, der seine Reise beinahe vorzeitig beendet hätte.

Du bist jetzt schon so lange unterwegs, wann wurde dir klar, dass du wirklich auf dem Weg nach Kirgisistan bist?
Wir haben 20 Tage von Zürich nach Istanbul gebraucht. Das Velo wiegt 47 kg, und wir waren so schnell unterwegs, dass ich gar nicht wirklich alles realisiert habe. Jeden zweiten Tag waren wir in einem neuen Land. 20 Tage für 10 verschiedene Länder. Dann kam der Unfall und ich war plötzlich im Krankenhaus. Zwei komplett verschiedene Welten in Sachen Geschwindigkeit. Irgendwo an der Grenze zu Georgien habe ich dann realisiert: Okay, jetzt geht’s wirklich nach Kirgisistan.
Gibt es einen Gedanken, der dich seit Tag 1 begleitet?
Das ist eine gute Frage. Auf der einen Seite ist sicher die Frage, wann es endlich auf die Ski geht. Wir wollten eigentlich Anfang Dezember im Balkan Ski fahren, aber es hatte zu wenig Schnee. Bei meinem Unfall habe ich mir dann ein starkes Nackentrauma zugezogen, und mir stellte sich schon die Frage, ob ich es noch rechtzeitig nach Kirgisistan schaffe. Dann kann ich dort vielleicht auch nicht Ski fahren; in Georgien habe ich auch keine Zeit. Also, seit Tag eins ist in meinem Kopf die Frage: Wann geht es auf die Ski.
Was haben dich die Menschen in Europa und Zentralasien am meisten gefragt, als sie von deiner Reise erfahren haben? Gibt es da einen Unterschied?
In Innsbruck beispielsweise fahren viele Menschen Ski. Die haben sich total dafür begeistert und immer gesagt: Wow, mit den Skis nach Kirgisistan – krass. Sie hatten einen Riesenrespekt vor unserem Vorhaben und waren vor allem am Skifahren interessiert. Da, wo ich jetzt bin, haben die Leute oft keinen Bezug zum Skifahren. Sie wissen aber, dass ich aus der Schweiz mit dem Velo hierhergefahren bin. Sie haben vor allem Respekt vor dem ganzen Campen bei Minusgraden. Die Menschen leben dort bei minus 10 bis minus 15 Grad und haben selbst mit dem Wetter zu kämpfen. Je weiter ich in Richtung Asien kam, desto mehr Respekt hatten die Menschen vor den Temperaturen.



Du hattest in der Türkei einen Unfall, was ist passiert?
Wir waren leicht bergab auf einer kleinen einspurigen Strasse unterwegs, die einspurig war. Auf der rechten Seite standen ein paar Autos. Ich habe noch gedacht: Ou, da sollte ich nicht zu nahe daran vorbeifahren, denn vielleicht geht plötzlich die Türe auf. Deshalb fuhr ich in der Mitte der Strasse, etwa mit 20 km/h. Und dann fuhr plötzlich eines der parkierten Autos aus dem Nichts mitten in die Fahrbahn und ich hatte keine Möglichkeit, auszuweichen. Ich bin dann mit der rechten Schulter gegen das Auto geprallt. Die ganze Wucht des Aufpralls bekam mein Nacken ab. Die Person im Auto und ich haben dann versucht, uns mit Google Translate zu unterhalten. Dann kam zum Glück ihre gute Kollegin vorbei, und sie sprach relativ gut Englisch. Wir haben die Velos dann dort abgestellt und sind mit dem Unfallauto zu viert ins Krankenhaus gefahren. Ich war dort der erste ausländische Patient und sie wussten nicht so recht, was sie mit mir machen sollen. Sie haben dann geröntgt und ein CT durchgeführt, und ich war zwei bis drei Stunden dort. Am Abend haben sie uns zu den Velos zurückgefahren.
Boah, zum Glück geht es dir einigermassen gut!
Ja, voll. Ich hatte schon einige kleinere Unfälle und habe deshalb gedacht, mir geht es ja nicht so schlecht; morgen können wir schon weiterfahren. Dann haben wir einen Tag Pause eingelegt. Das hat nicht gereicht und wir mussten doch eine längere Auszeit nehmen. Ich war dann drei Wochen alleine in Ankara, während mein Kollege weiterfuhr. Dort war ich nochmal im Spital und habe viel Physio gemacht. Das war schon hart, über Weihnachten und Neujahr dort allein festzusitzen. Dann würde man eigentlich zu sich selbst sagen: Geh doch einfach nach Hause. Aber irgendwie habe ich meine Motivation doch wieder gefunden und jetzt bin ich wieder on the road.
Hast du dir kurz mal überlegt, das Ganze abzubrechen?
Jein. An Weihnachten bin ich in Ankara angekommen und ich habe mich selbst gefragt, was die maximale Anzahl an Tagen ist, die ich mir gebe, um mich hier zu erholen. Das waren dann in meinem Kopf drei Wochen, bis Mitte Januar. Für mich musste es einfach jederzeit noch realistisch sein, das Projekt sinnvoll abzuschliessen. Diese Deadlines haben mir auch geholfen, mich selbst zu motivieren. Am 9. Januar war ich dann schon wieder auf dem Velo. Am ersten Tag hatte ich dann schon ziemliche Schmerzen, aber weil ich mir dazwischen jeweils genug Erholung erlaubt hatte, ging es dann auch.
Hat der Unfall seine Sicht auf das Risiko verändert?
Nein, nicht wirklich. Ich hätte mir eigentlich das Gleiche in Zürich passieren können. Ich war auch nicht unverantwortlich auf der Strasse unterwegs. Man ist halt 8000 km auf der Strasse, da kann sowas schon mal passieren.
Das Gleiche hätte mir auch in Zürich passieren können.
Zurück auf die Strasse, wie sieht ein typischer Tag auf dem Velo bei dir aus, vom Aufstehen bis zum Schlafen?
Ziemlich stressig (lacht). Meine Durchschnittsgeschwindigkeit. Aktuell schaffe ich ca. 100 km pro Tag. Das bedeutet, zehn Stunden auf dem Velo. Ich stehe meistens früh auf um ca. 5 Uhr. Am Morgen brauche ich dann etwas Zeit, so ca. 1.5 Stunden, um alles fertig zusammenzupacken. Dann versuche ich eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang auf dem Velo zu sein. Ich versuche, ohne Pause zu fahren, solange es geht. Auf dem Velo snacke ich dann natürlich auch mal was. So, nach ca. sechs bis sieben Stunden mache ich Pause und esse irgendwo, wenn möglich, etwas Warmes. Dann geht es nochmal drei bis vier Stunden aufs Velo. Danach heisst es, Schlafplatz suchen und Essen organisieren. Am Abend bearbeite ich dann noch Videos und telefoniere mit meiner Freundin oder der Familie. Dann gehe ich um ca. 20:30 Uhr schlafen.
Was unterschätzt man komplett, wenn man sich eine solche Reise vorstellt?
Ich glaube, die Stunden, die man ausser mit Schlafen nicht auf dem Velo verbringt. Ich bin dann oft maximal gestresst und muss viele Dinge organisieren, Geräte aufladen oder Übernachtungen planen. Ihr müsst euch vorstellen: Ich habe 12 verschiedene elektronische Geräte. Aktuell ist die grösste Herausforderung bei minus zehn Grad auf dem Fahrrad zu sitzen. Die Luft ist unglaublich kalt und trocken. Jetzt konnte ich mir in Georgien eine Profi-Maske zulegen, die die Luft beim Atmen befeuchtet. Aber alles in allem ist es der Tagesstress, den ich am meisten unterschätzt habe. Oder wenn du auf dem Velo bist und bei minus 15 Grad plötzlich auf die Toilette musst (lacht).
Was vermisst du am meisten von zuhause und was gar nicht?
Ja, schon meine Freundin oder meine Kollegen. Einfach mal kurz zusammensitzen und reden. Es ist schon speziell, wenn man so viel allein unterwegs ist. Ich fühle mich aber nicht einsam, weil ich täglich so viele Leute treffe. Überraschenderweise vermisse ich mein Bett gar nicht. Am liebsten schlafe ich auf meiner Matte. Im Moment dusche ich auch nicht jeden Tag, aber auch das vermisse ich nicht.
Du stehst kurz vor der kasachischen Wüste, worauf freust du dich am meisten und wovor hast du Respekt?
Auf die Landschaft freue ich mich schon sehr. Und halt so die Absurdität, dass ich da mit Velo, Ski und Skischuhen unterwegs bin. Mit der Skiausrüstung auf dem Velo durch die Wüste - the most stupid thing you can do! Ich war noch nie in einer so krassen Wüste. Respekt habe ich vor allem wegen der Wassersituation. Es hat keinen Schnee, den ich schmelzen könnte. Ausserdem weiss ich während ca. 150 km in der Mitte nicht, wie die Strassenverhältnisse sein werden. Auf Google Maps sieht man keine Strasse. Es ist also eine Mischung aus Vorfreude und Respekt.
Respekt habe ich vor allem vor der Wassersituation.
Wie verändert sich die Landschaft, die Stimmung und der Kopf je weiter du in Richtung Osten kommst?
Spannende Frage. Ab Slowenien und Kroatien wurde es richtig spezielle für mich, denn in diesen Ländern war ich noch nie. Im Norden des Balkans wurde es dann so richtig streng. Wir hatten schlechtes Wetter, und Landschaft und Stimmung waren eher trist. Ab der Türkei haben die Leute dann wieder viel gelacht. Wir haben tolle Menschen dort getroffen. Inzwischen ist mein Türkisch sogar auf Niveau A1 (lacht). Georgien ist jetzt auch kulturell wieder ganz anders. In meinem Kopf fühlt es sich aber jeden Tag mehr so an, dass es in die richtige Richtung geht.
Hast du auf deiner Reise einen Menschen getroffen, der dich besonders berührt oder überrascht hat?
Ja, dieser Typ, den an Tag 68 getroffen habe. Es war minus 15 Grad, ich war da mit meiner Maske auf dem Fahrrad und plötzlich sah ich einen Typen auf seinem Pferd. Normalerweise fahren nur Trucks oder Autos an mir vorbei, weil es einfach zu kalt ist. Er kam dann zu mir und wir haben zusammen geredet. Er war super herzlich. Ich habe ihm dann erzählt, dass ich nach Kirgisistan fahre, und er hat mir seine Kappe geschenkt.
Was hat dich diese Reise bisher über dich selbst gelernt?
Ich habe immer das Gefühl gehabt, nicht der geduldigste Mensch zu sein. Aber ich habe gemerkt, dass ich das eigentlich schon kann. Ebenfalls zeichnet diese Reise den Optimismus aus. Ich hatte oft auch körperliche Probleme. Aber auch rational und aktiv nach Lösungen zu suchen habe ich gelernt. Mir wurde immer mehr bewusst: Es geht immer weiter und im schlechtesten Fall ist es einfach eine gute Story.



Was war neben dem Unfall dein bisher krassestes Erlebnis?
Das letzte Dorf in der Türkei war crazy. Ich kam da um 20 Uhr an, nach zehn Stunden auf dem Velo. Im ganzen Dorf gab es nur ein Hotel, das jedoch geschlossen war. Es gab unglaublich viel Polizei und Militär – nur eine von drei Personen war ein Zivilist. Ich durfte mein Zelt nirgends aufstellen. In der Nacht waren es minus 20 Grad. Ich wurde dann in den Mitarbeiterbereich einer Bäckerei eingeladen. Nach einer halben Stunde fanden sie es aber dann doch nicht mehr so cool und riefen die Polizei an. Ich hatte dann ein einstündiges Interview. Sie wollten wissen, was meine Mission ist, weil sie Angst davor hatten, dass ich ein Flüchtling bin. Um 22 Uhr abends bin ich dann in einem Café gelandet. Dort durfte ich am Boden schlafen. Alles war schmutzig. Um 23:30 Uhr habe ich meine Matte ausgerollt und konnte dann noch 6 Stunden schlafen. Da war ich am Limit. Da musste ich wirklich versuchen, optimistisch zu bleiben.
They were definitely afraid that I was a refugee.
Wenn du die Reise in einem Satz zusammenfassen müsstest, wie würde der lauten?
Ich glaube schon: «Irgendwie geht es immer weiter».
Was würdest du jemandem sagen, der selbst von einem solch grossen Abenteuer träumt, sich aber noch nicht raut?
Just do it. Wichtig ist, in Etappen zu denken. Sicher nicht am ersten Tag aufstehen und denken: Ou, jetzt habe ich noch 8000 Kilometer vor mir.
Was nimmst du von dieser Reise mit, egal, wie es weitergeht?
Bis jetzt nehme ich alles mit zurück, ausser Skifahren (lacht). Ist aber auch irgendwie lustig. Aber mir bleiben die vielen Begegnungen mit den Menschen sicher. So viele Leute haben mir in verrückten Situationen geholfen.
Zum Schluss: Wie bist du auf die Idee gekommen, mit dem Velo zum Skifahren nach Kirgisistan zu fahren?
Vor drei Jahren bin ich auf der Karte Kirgisistans aufmerksam geworden und habe gedacht: Wow, krass! Dann habe ich ein Video von Menschen gesehen, die dort Ski fahren. Es sah so schön aus. Ich habe dann recherchiert und herausgefunden, dass 95% dieses Landes aus Bergen besteht. Ich habe dann einem Freund vorgeschlagen, dass wir doch dort mal Ski fahren gehen könnten. Er hat aber gemeint, extra dorthin zu fliegen und zwei Wochen Ski zu fahren fände er nicht so cool. Wir fuhren dann nach Norwegen. Dort haben wir 50 Tage im Zelt geschlafen. Nach dem Abschluss meines Studiums habe ich wieder an Kirgisistan gedacht. Wenn man 3000 km mit dem Velo durch Norwegen fahren kann, kann man auch 8000 km mit dem Velo nach Kirgisistan fahren.
Folge Simon alias alpine.joker auf Instagram, um hautnah bei seinem Abenteuer dabei zu sein!